Spielwelt(en): | Athyria / Phönixreich |
Urheber:innen: | Anja Schröder, Sarah Kisliuk |
Mitwirkende: | weitere Autor:innen |
Jahr: | 2025 |
Die Niederschrift Alavandras über den Tod des Königs
Ich, Alavandra, die Sinnende, setze heute meine Feder an, um das Ende des Reiches zu bezeugen, wie es mir von den Letzten der Getreuen aufgetragen wurde. Es ist nicht meine Aufgabe, zu richten oder zu beklagen. Ich bin die Chronistin, die das Licht einfängt, ehe es erlischt, und die Wahrheit bewahrt, ehe sie zu Legenden wird. Dies ist das Ende des Reiches Kiamondhs, der letzte Atemzug seines Traumes, festgehalten für jene, die einst in den Nebeln nach Antworten suchen werden.
Kiamondh, der Lichtbringer, der Einiger der zersplitterten Völker, schritt in jener Nacht mit ruhigem Herzen seinem Schicksal entgegen. In der großen Halle des Palastes des Ewigen Morgens, deren goldene Wände die Geschichten seines Aufstiegs trugen, sammelten sich die letzten Getreuen. Der Sturm des Verrats tobte jenseits der Mauern, die Lichter der Stadt Lysandros flackerten unter dem dunklen Himmel, und die Nebel am Horizont begannen sich bereits zu regen.
Er sprach nicht viel. Er, der so oft mit Worten Mauern niedergerissen und Brücken errichtet hatte, wählte in diesem Moment die Stille. Seine Augen ruhten auf den wenigen, die noch bei ihm verweilten: Ormanda, seine Geliebte, deren Hand das Zepter der Morgenröte umfing, als trüge sie sein Erbe bereits in ihren Fingern. Zwei Ritter standen zu seinen Seiten, jene Getreuen, die ihm einst schworen, ihm im Leben wie im Tod beizustehen. Keiner sprach von dem, was geschehen musste. Keiner fragte nach dem Morgen. Es gab kein Morgen mehr.
Dann, als die Nachtigal sang, reichte Kiamondh Ormanda den Dolch. Kein Zepter vermochte das Reich zu retten. Keine Armee konnte die Schatten zurückdrängen. Nur eine Tat blieb. Mit ruhiger Hand führte Ormanda die Klinge in sein Herz, ein Opfer, das nicht für Ruhm oder Macht diente, sondern allein der Rettung des Vermächtnisses. Sein Blut rann auf den Boden der Halle, und mit ihm verging das letzte Licht seines Traumes. Sein Blick war klar bis zum Ende, sein letzter Atem ein Wispern in der Stille. Kiamondh starb nicht, um sein Reich zu retten, sondern um es als unvollendete Aufgabe zurücklassen. Er wusste, dass seine Erben kommen würden, dass die Besungenen eines Tages sein Werk vollenden würden und Athyria Licht schenken würden. Als Geist würde er über sie wachen und sie leiten, so wie er es in dieser Welt getan hatte.
Die beiden Ritter knieten nieder und erneuerten ihren Eid. Leben oder Tod, ihr Schwur würde bleiben. Ormanda, die stets eine ruhige und beständige, doch ungeheuer schlaue Frau gewesen war, führte ohne Zögern ihren Willen aus. Mit derselben sanften Bestimmtheit, mit der sie einst an der Seite des Königs stand, ließ sie die beiden Ritter fallen, damit sie ihrem Herren in das Reich der Geister folgen konnten.
Und so werden sich die Nebel erheben, der Palast des Ewigen Morgens verblassen und Lysandros fortgetragen von den Schleiern der Zeit. Ich lege meine Feder nieder, denn meine Aufgabe ist getan. Die Geschichte ist geschrieben.