ITT Die Sage vom Vater des Feuers und dem verschlungenen Seil

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Die Sage vom Vater des Feuers und dem verschlungenen Seil

Es war die Zeit, da Lysandros, die Strahlende, aus hellem Stein erwuchs und ihre Gassen wie junge Adern das Land durchzogen. Händlerstimmen mischten sich mit dem Singen der Werkstätten, und an den Toren standen Banner, die im Morgenwind von Hoffnung erzählten. In diesen Tagen hob die Erde unweit der Mauern an zu atmen: Der Boden wölbte sich, Felsen brachen wie Schuppen vom Rücken eines uralten Tieres, und aus der Wunde der Welt stieg ein Geist empor. Alt war er, wie das Donnern der ersten Tage, mächtig wie die Glut unter dem Mantel der Erde. Die Sterblichen nannten ihn den Vater des Feuers.

Er setzte sich, groß und schweigend, und wo er ruhte, wuchs ein Berg. Erst war es ein dunkler Hügel, dann ein rauchender Kegel, dann ein Vulkan, dessen Krone in der Dämmerung wie ein Auge glomm. Der Vater des Feuers sah die Hauptstadt und die goldenen Wege, die zu ihr führten; er roch den Mörtel frischer Mauern, hörte das Hämmern, das Lachen, die Gebete. Und in seinem uralten Herzen erwachte ein Verlangen: Verehrung.

Altäre wurden errichtet, Schalen mit Harzen entzündet und erste Hymnen erklangen. Ein wohliges Grollen durchdrang da seine uralten Gebeine.  Doch der Vater des Feuers hörte zugleich andere Namen in den Tempeln der Stadt: Gesänge an den Donner, der in den Bergen widerhallt, der mit dem Schild Schutz gelobte; an das Wispern in der Bibliothek, deren Blau von Gnade und Forscherdrang sprach; und an den Ruf des Unbekannten, grün gewandet, die Abenteuerlust im Herzen der Gläubigen entfachte. Die Bewohner gaben ihm Ehre, doch sie gaben sie nicht allein ihm.

Da wurde der Geist zornig.

Asche fiel wie grauer Regen. Nächte lang rumorte die Tiefe, und das rote Blut aus dem Herzen der Welt tastete den Schlot hinauf. Der Vater des Feuers sprach in Donnern, die die Schlafenden aus den Betten rissen:

„Alle Flammen sind Kinder meiner Glut. Wo ich meinen Fuß setze, soll allein mein Name erklingen! Tilgt die fremden Banner, löscht die fremden Hymnen, oder ich hole mir die Stadt zu meinen Füßen.“

Rat wurde gehalten. Die Stimmen der Stadt waren geteilt: Manche wollten die Altäre allein dem Vulkan geben, andere warn­ten vor einem Eid, der die Seele der Hauptstadt verriete. Während die Ratgeber sprachen und die Priester stritten, stieg eine Gestalt die nächtlichen Treppen empor, lautlos wie der Flug einer Schleiereule:  die Herrin der wilden Wege.

Sie hatte die Stadt liebgewonnen, mit ihren verwinkelten Gassen, den verborgenen Höfen, die Treppen, die zu Aussichtspunkten führten, an denen die Welt kurz stillzustehen schien. Und doch blieb sie die Spur im Morgengrauen: Grün war ihr Gewand wie die ersten Blätter im Frühling, ein Fuchs sprang leicht an ihrer Seite, und an der Schulter trug sie ihr treues Seil, das mehr als einmal die Kluft zwischen Versuch und Gelingen überbrückt hatte.

Ohne Geleit verließ sie die Tore. Der Regen aus schwarzer Asche schluckte ihr Flüstern und nur der Fuchs sah auf, als ihr leiser Schritt sie der tanzenden Glut des Gipfels näherbrachte. Sie stieg, bis der Stein warm wurde und die Luft nach Schwefel schmeckte, und rief in den Wind:

„Vater des Feuers! Wenn dir Ehre begehrt ist, so blicke herab: Nicht in der Vernichtung liegt sie, sondern im Maß. Diejenigen, deren Lieder dich nicht allein singen, sind dieselben, die heute Altäre säubern, Mauern räumen, Kinder tragen. Zerstörst du sie, wem willst du dann noch Flammen lehren?“

Der Berg antwortete mit einem langen, tiefen Grollen, das die Zähne erzittern ließ.

„Maß? Ich bin der Atem, der Berge macht. Ich bin der Hunger unter der Welt. Ich will Alleinsein in den Kehlen der Sterblichen. Mein Name soll ohne Nebenklang erklingen.“

Die Hoffnung, die nicht erlischt trat an den Kraterrand, wo das Gestein rot glühte. „Dann biete ich dir etwas, das größer ist als der Ruf vieler Kehlen von Fern.

„Und was soll das sein, Pfadgängerin?“ Fragte der Berg, von Gier erfasst.

„Das zeige ich dir, wenn ich deinen Grund erreiche.“

Sie legte das Seil an einen gezackten Zinken der Kraterwand und strich dem Fuchs über das Fell. „Du findest den Weg zukünftig auch ohne mich“, flüsterte sie, und der Fuchs blieb, als hielte ihn ein unsichtbarer Befehl am Rande des Vulkans. Dann begann sie den Abstieg in den Schlund.

Der Schlund war tief und schon weit war das grollen des Berges zu hören. Die Erde bebte grimmig, als sie hinabstieg. Immer Tiefer stieg sie, bis sie auf einen See aus Feuer stieß. Als die Glut zu fauchen begann, begann sie zu singen. Kein Tempellied, keine Hymne, sondern das leise Lied der Wege, das sie auf allen Pfaden begleitet hatte: von Brücken über Schluchten, von Knoten, die halten, wenn die Welt rutscht. Die Töne schenkten den Schritten Takt, den Händen Kraft; und der Vater des Feuers, verwundert, schob sein Grollen in die Pausen wie ein zweiter Chor.

Tiefer stieg sie, bis dorthin, wo die Welt flüssig wird und Steine wie flüssiger Honig glänzen.

“Was gibst du mir nun, was größer ist als der Ruf vieler Kehlen?”

“Geduld, Gevatter. Du wirst es gleich sehen.”

Und so band sie Knoten in die Adern der Glut: Schlingen des Maßes, Schleifen, die den Zorn bremsten, Knoten, die die Hitze in langen Atem verwandelten. Jeder Knoten kostete sie Hitze und brannte in ihrer Haut, doch jeder hielt.

Dann dröhnte der Berg noch einmal.

“Was gibst du mir nun, was größer ist als der Ruf vieler Kehlen?”

“Geduld Gevatter” sagte sie erneut, du wirst es gleich sehen.

Weiter schlang sie ihr Seil und Band Knoten um Knoten und in jeden Knoten wob sie einen Zauber, älter als die Zeit.

Ein drittes mal grollte der Berg, nun noch lauter

“WAS GIBST DU MIR NUN, WAS GRÖßER IST ALS DER RUF VIELER KEHLEN?”

Da lächelte die Frau schelmenhaft.

“Nichts.” Antwortete sie. “Denn nichts wird jemals größer für dich sein können.”

Da erkannte der Vater des Feuers seinen Fehler, doch war der Zauber schon gewirkt.

Doch mit einem letzten, wütenden Grollen bäumte er sich auf , spie Flammen und warf Steine, doch war er schon zu gebunden, die Stadt in den Untergang zu reißen.

Am Kraterrand blieb nur der Fuchs, der die Ohren anlegte und leise jaulte. In der Stadt standen die Sterblichen auf den Plätzen, lauschten, wie man lauscht, wenn man hofft, dass das Schlimmste vorüber ist. Als die Stille anhielt, fielen sie auf die Knie. Tränen mischten sich mit Asche. Und über den Dächern stand ein neuer Morgen, blass und unbegreiflich.

Vom Vater des Feuers blieb ein Berg, still und schwarz, dessen Hänge im Frühling Blumen trugen. Von der Herrin der wilden Wege blieb ein Weg, der die Stadt mit dem Berg verband.

So ward die Stadt gerettet. Nicht durch Stahl, nicht durch Bann, sondern durch Mut, List und einen Knoten, der hielt. Und die Herrin der wilden Wege? Man sagt, sie ist nicht vergangen, nur weitergezogen, tiefer als alle Karten reichen.