| Spielwelt(en): | Athyria |
| Urheber:innen: | Anja Schöder, Sarah Kisliuk |
| Mitwirkende: | |
| Jahr: | 2025 |
Der Pakt der vier Töchter
Ich glaubte, meine Aufgabe sei beendet. Mit Tinte und Feder hatte ich den letzten Akt des Reiches Kiamondhs zu Papier gebracht, seine Größe, seine Fehler, seinen Untergang. Ich hatte seine Ideale festgehalten, seine Siege und sein Scheitern. Und als Kiamondh in den Nebel schritt, um sein Reich mit sich zu nehmen, da ließ auch ich meine Feder ruhen, in dem Glauben, dass nun Stille einkehren würde.
Doch ich irrte.
Längst hätte das Land versinken müssen, hätte sich auflösen sollen in dem undurchdringlichen Nebel, den Kiamondh mit seinem letzten Willen über sein Werk legte. Doch hier, in den Grenzländern des Amendalgebiets, besteht es fort. Die Türme von Lysandros stehen noch, die Straßen der Sterne leuchten weiterhin im bleichen Licht des Morgens, und das Volk lebt hier fort – als habe der große König nie sein Opfer gebracht.
Und nun weiß ich auch, warum.
Die vier Töchter Kiamondhs, Arisha, Geminna, Lucrana und Valara, haben einen Pakt geschlossen. Mit Nadira, einer Ar'Jamuun, einer jener, die fernab des Lichts wandeln und mit Schöpfung und Verfall gleichermaßen handeln wie mit Münzen auf einem Basar. Sie haben Zeit erkauft, 99 Jahre, damit das Volk nicht in die kalte Leere des Vergessens stürzt. Doch der Preis war hoch. Jede von ihnen band ihre Seele an die Ar'Jamuun, wurde eine Gefangene des Pakts, bis ein anderes Wesen ihre Schuld auf sich nimmt und sie erlöst.
Ich frage mich: Wie hätte Kiamondh selbst geurteilt? Sein Wille war klar – das Reich war nicht bereit, seine Ideale zu tragen, also musste es vergehen. Und doch taten seine Töchter, was das Herz ihnen gebot: Sie schenkten den Sterblichen Zeit, Zeit, eine neue Heimat zu finden, Zeit, sich auf das Unvermeidliche vorzubereiten. War es Gnade, die sie leiteten, oder ein Ungehorsam, der die Ordnung störte? War es Mitgefühl – oder Hochmut?
Ich höre das Flüstern der Vergangenen im Nebel, spüre das Echo eines Willens, der stärker war als alle Gesetze. Doch nun gibt es zwei Wahrheiten, und meine Feder zögert, welche sie niederschreiben soll. Ist es der Verrat von Töchtern an dem letzten Wunsch des Vaters – oder die letzte Tat von Königstöchtern, die nicht tatenlos zusehen konnten, wie so viele heimatlos werden?
Die Antwort liegt nicht in meinen Händen. Und doch weiß ich, dass Wahrheit sich biegt wie der Zweig eines alten Baumes im Sturm. War Kiamondhs letzter Wille gerecht – oder sind es die Taten seiner Töchter, die das Licht seiner Herrschaft wahren?
Aus der Feder Alavandras, der Sinnenden, der Chronistin des Lichts.