Der Abend der Rückkehr
– Chronik eines denkwürdigen Abends im zehnten Jahr des Schwurs ohne Ketten –
Verfasst von Narellis von der Grünen Schwelle, Kartographin und Wegchronistin
Es war die Zeit, da das Jahr sich neigte, die Nächte lang und kühl waren, und die Wege im Licht der Sterne glänzten wie Linien auf einer alten Karte. Auf einer Lichtung nahe der Westfurten von Lysandros, wo einst die Asche am tiefsten lag, versammelten sich jene, die dem Bund der Fernen Wege ihr Herz geschenkt hatten und deren Taten der Reisenden zwischen den Pfaden geweiht waren.
Viele jener, die das Reich Kiamonds zu formen wussten versammelten sich ebenso, denn auch wenn sie sich nicht durch Taten verschrieben hatten, waren ihr Herz und Ihr Sehnen oft auf jene gerichtet, die den Vater der Flammen gebunden und gebannt hatte.
Ein Feuer brannte dort, so hoch wie drei Männer, genährt von Holz, das aus allen Teilen des Reiches gebracht worden war. Die Luft roch nach Tannennadeln, nach süßem Wein und schweren Zimt.
Sie kamen aus allen Winkeln des Reiches und trugen keine Wappen, keine Banner, und doch erkannte man sie: an einem Fuchsknoten, an einem grünen Band, an einem kecken Lächeln auf den Lippen. Einige trugen eine kleine Träne aus goldenem Glas an einem Lederband um den Hals. Dies war ein Geschenk gewesen. Keines, um welches sie gebeten
Als die Dunkelheit das Lager umschloss, erhob sich der Erste, ein alter Kartograf. Er sprach von einem Kind, das sich im Wald verirrt hatte und das er gefunden hatte, weil er die Wege erst vor wenigen Tagen kartografiert hatte. Eine junge Frau trat hinzu, die berichtete, vor einigen Tagen einen Händler auf dem Weg vor einem Raub gerettet zu haben, indem sie den Räuber mit einem schnell gespannten Seil zu Fall gebracht hatte. Dann erhob sich eine Priesterin der verschlungenen Wege, deren helle Stimme weit schallte als sie berichtete wie sie einer Gruppe Reisender Mut gespendet hatte als sie sich in den Bergen in einer weit gewundenen Schlucht verirrt hatten.
Und ihren Geschichten folgten noch viele. Sie sprachen nicht, um sich zu rühmen, sondern um ein Seil der Erinnerungen zu knüpfen. Und das Seil spannte sich zurück bis zu ihr: der Hoffnung, die nicht erlischt.
Als die letzte Geschichte verklang, traten die Priesterinnen und Priester vor, aus allen Tempeln, der der Herrin der endlosen Wege geweiht waren. Gemeinsam hoben sie ihre Hände, und ihre Stimmen vereinten sich in einem Segen:
„Für jeden Schritt, der im Dunkel getan wird, für jede Tür, die geöffnet, für jede Hand, die gereicht wird, für jede Hoffnung, die nicht verlischt, segnen wir diesen Bund aus gefundenen Wegen, aus gemeinsamen Geschichten, aus strahlenden Herzen.“
Plötzlich zog ein Nebel auf, der sich um unsere Füße legte, dann unsre Leiber umfasste und uns schließlich die Blicke nahm. Die Sicht ward uns genommen, doch spürten wir keine Furcht. Wie ein helles Klingen hallte ein überweltlicher Klang über den Platz. Dann, ein goldener Lichtstrahl in der Finsternis und plötzlich schälte sich eine Gestalt aus dem Nebel. Sie war weder jung noch alt, trug ein Gewand, grün wie Hoffnung, die den Winter übersteht. An ihrer Schulter lag ein schillerndes Seil, und an ihrer Seite sprang ein Fuchs aus dem Nebel hervor
Ihre alterslosen Augen blickten in jede Seele am Feuer und man spürte, dass sie jede Geschichte gehört hatte und ihr Lächeln erzählte von Mut und Hoffnung
Manche weinten. Andere knieten. Wieder andere standen einfach still, die Hände an ihrem Herz, dort, wo die goldene Träne lag.
Sie sprach nicht. Sie musste nicht sprechen.
Denn jeder von ihnen kannte ihre Stimme: in jedem mutigem Schritt, im Rufen eines neuen Weges und in jeder Entscheidung, einem Fremden zu trauen.
Und doch, als sie ging, sprach der Wind für sie und alle hörten ihn:
„Solange nur ein Schritt vor den anderen gesetzt,
um neue Wege zu finden.
Solange nur ein Feuer geteilt wird mit anderen,
um die Ängste der Nacht zu vertreiben,
Und solange nur ein Funken Hoffnung im Herzen glüht,
werde ich bei euch sein.
Ungesehen. Ungebunden. Doch niemals fern.
Dann verflog der Rauch. Die Flamme brannte wieder gewöhnlich – aber das Herz aller, die dort waren, hatte sich verändert.